Refugees Welcome

MOMENTAUFNAHME!

Liebe Freunde!

So viel ist passiert, seit der ersten Spendensammlung in unserer Wohnung und den ersten Fahrten nach Traiskirchen. Bald gab es ein Treffen mit Helfern, dann die vielen neuen Gesichter, die jetzt mit uns im Team für happy.thankyou.moreplease!! sind.
Wir haben in den letzten Wochen ein System gemacht, das es uns ermöglicht, den Flüchtlingen jeden Monat über 1200 persönlich gepackte Spendenpakete zu bringen.
Und da sie eben nur das bekommen, was sie wirklich brauchen, fällt auch der Müll weg.

Wir haben so viel dazu gelernt. Ich habe nicht geahnt wie viel sich bewegen lässt, wenn eine Hand voll Menschen zusammenarbeitet. Ich glaube mein Verstand hat es gewusst, mein Herz hatte aber nicht realisiert wie tief der Schmerz bei diesen Menschen sitzt.

Und da gibt es noch etwas, auch bei uns, hier in Österreich, gibt es viele Menschen bei denen tief sitzende Verletzungen da sind.

Nach außen hin sieht es aus wie blanke Ablehnung, purer Hass, ungefilterte Wut. Wir, die wir uns in einer Blase der helfenden Menschen bewegen, dürfen uns aber nicht anmaßen, zu verstehen was dahinter liegt. Erst dann, wenn wir uns darauf einlassen auch das zu sehen, werden wir vielleicht langsam langsam auch diese Menschen erreichen können. Sie wütend zu kritisieren, hat noch nie etwas gebracht. Ich möchte euch von einem kleinen Erlebnis erzählen, das ich in Traiskirchen hatte.

Es war die zweite Fahrt, begleitet von lieben Freunden hab ich ein paar Autos voll Spenden hingebracht. Zu dem Zeitpunkt war es mir noch gar nicht bewusst, wie problematisch es ist, wenn sich Unmengen Müll dort sammeln, wie belastet die Einwohner sind, was es bedeutet jeden Tag dort zu leben. Wir standen in einer Seitenstraße, ganz nahe bei dem kleinen Park ums Eck vom Erstaufnahmezentrum.

Einige Flüchtlinge kamen auf uns zu, wir haben versucht für jeden das Richtige zu finden. Inmitten von Unmengen…

Dann waren da die beiden Frauen. Aus dem Haus gegenüber konnte man sie schreien hören. Wütendes Gebrüll, in Richtung der Flüchtlinge, die bei uns standen. Irgendwann kamen sie runter, wir wurden beschimpft, die Flüchtlinge wurden beschimpft, es gab kein Halten…“Wir wollen nicht dass Sie denen helfen. Sie benehmen sich wie Tiere! Wir waren selbst mal Flüchtlinge, so schlecht haben wir uns nie genommen. Wir mussten uns anpassen.“

Gregor und ich standen da, ich erinnere mich daran, wie aufgeregt es mich gemacht hat, wie ich am liebsten einen Gegenangriff gestartet hätte. Gregor hat begonnen sehr ruhig mit ihnen zu sprechen. Auch ich habe mich dann eingeklinkt. Und je länger das Gespräch gedauert hat, desto ruhiger wurden die Stimmen, desto entspannter der Ton. Nicht, dass es leicht geworden wäre. Aber die schlimmste Wut ist irgendwie abgeklungen. Wir haben meist diesen einen Satz wiederholt:
„Wir verstehen Sie“

Ein junger Mann aus dem Irak stand neben der Frau die am meisten mit uns diskutierte. Er war etwa Anfang 20, hat mich immer wieder gebeten zu übersetzen und ihr zu sagen:“es tut mir leid, wir wollen Sie nicht belasten, wir wollen nicht dass Sie sich schlecht fühlt.“

Sie hat ihn nicht angesehen.
Bis ich sie wiederholt gebeten habe, „sehen Sie ihm doch zumindest in die Augen“

Zwischendurch habe ich begonnen, mich nach Müll umzusehen, hin und wieder einzusammeln, was da auf der Straße lag. Ich glaube, hätten wir noch mehr Zeit gehabt, wäre es wahrscheinlich noch ein richtig gutes Gespräch geworden.

Was so stark spürbar war, war Ihre persönliche Angst. Ihr persönlicher Schmerz. Ihre Wut. Da war nichts Gekünsteltes. Sie hatte das nicht erfunden. Es ging ihr wirklich so. Sie zitterte am ganzen Körper. Hätte ich sie beschimpft, oder heftig argumentiert, sie hätte sich vollkommen bestätigt gefühlt.

So wird das Loch immer tiefer. Und es wird immer schwieriger da rauszukommen. Ich vermute, dass ein großer Teil der Menschen, die feindlich gegenüber anderen sind, selbst niemals Empathie erlebt haben. Empathie ist etwas, was gelernt wird. Kinder lernen es von ihren Eltern, sie lernen es mit ihren Freunden, mit ihren Haustieren… Manche lernen es nicht. Und wenn sie dann auf Menschen treffen, die das nicht verstehen, die sie wieder empathielos behandeln…

Es liegt in unserer Verantwortung, das Verständnis und die Achtsamkeit die wir den Flüchtlingen gegenüber empfinden, auch den Menschen entgegenzubringen, die sich in diesem Loch befinden. Es muss uns bewusst sein, dass das vielleicht ihr einziger Weg raus ist. Ist es nicht in jedem Konflikt so? Fronten können sich verhärten. Sie können sich aber auch lösen.

Heute ist ein aufregender Tag für uns, wir übersiedeln in unser neues Depot! Wir freuen uns darauf, in Zukunft auf rund 500 m² Fläche, mit Euch zu sammeln, Pakete zu packen und sie wieder täglich nach Traiskirchen zu bringen.

Und: wir wollen mit Euch feiern!

Unsere neue Adresse folgt demnächst!

Alles Liebe Euch und danke, dass es Euch gibt!!

30.09.2015 – Renate