GLÜCKLICH – DANKE – MEHR BITTE

Ein privater Verein für Flüchtlingshilfe. HAPPY.THANKYOU.MOREPLEASE!!
Einblicke in die Tätigkeit einer privaten Organisation und deren Initiatoren

eine Reportage von Alina-Theresa Vetter

Wien 10, Sonntag 7. Jänner – „Sie ist im siebten Monat schwanger“, -„für einen Kinderwagen also noch zu früh.“, -„ja, was macht sie damit zwei Monate auf so engem Raum?“. Isabel Königsstetter und Rene Perl besprechen die heutige Auslieferung. Eine schwangere Frau benötigt sowohl Umstandsmode, als auch ein gesamtes Paket für das ungeborene Kind. Sehr gewissenhaft sucht Isabel Babybekleidung, die weder mädchenrosa noch bubenblau ist, da das Geschlecht noch unbekannt ist.

Eingepackt werden ebenfalls Windeln, Folgemilch, Schnuller und ein paar Spielsachen. Danach inspizieren sie das Spendendepot im 10. Wiener Gemeindebezirk. Nach der wohlverdienten Weihnachtspause werden die letzten Spuren des halbjährigen Marathons bereinigt und die Struktur neu ausgerichtet – auf Ausdauer. Als Teil des 20 köpfigen Kernteams sind Isabel und Rene Gründungsmitglieder, somit seit gut sieben Monaten an den Entwicklungen beteiligt. Nur die Zuständigkeiten haben sich in verschiedene Bereiche aufgeteilt. Es gibt das operative Tagesgeschäft und die administrative Arbeit, wobei es überall Mitspracherecht gibt. Es werden keine voreiligen Entscheidungen getroffen, ohne vorige Absprache mit mindestens drei anderen Kernteammitgliedern. Der gelernte Schlosser und ehemaliger Betreiber eines Wettbüros, der „Allrounder von Happy“ hat seine soziale Ader erst entdeckt, als ihn seine Freundin Isabel zu der Infoveranstaltung im Juli mitschleppte. Jetzt fängt er zusätzlich eine Ausbildung zum Sanitäter an. Isabel ist Personalistin bei Ärzte ohne Grenzen und leidenschaftliche Streetart-Sammlerin. Ihre Arbeit beim Verein ist ihr persönlicher humanitärer Einsatz. Zusammen mit Anderen, kümmern sich die beiden um die Logistik vom Verein und koordinieren die freiwilligen Fahrerinnen und Fahrer.

Den typischen Mitarbeiter gibt es bei Happy.Thankyou.Moreplease!! (HTMP) nicht. Es kommen Menschen zusammen, die sich „sonst nicht füreinander interessiert hätten, jetzt aber ein gemeinsames Ziel verfolgen“, so Isabel. Es wurde miteinander gelacht und geweint, man hat sich in den anfangs vorherrschenden Extremsituationen in Traiskirchen auf den anderen verlassen müssen, „es hat einfach funktioniert, jetzt sind wir Freunde“, so eine freiwillige Helferin im Spendendepot.

Mit Schutzsuchenden für Schutzsuchende

Das Spendendepot – ein ehemaliger Kegelverein, kreativ umfunktioniert, bietet mit rund 500 Quadratmetern jede Menge Platz für die Organisation und Aufbewahrung von Sachspenden. Der großzügige Hauptraum wird durch eine Glaswand inklusive Pult getrennt, von den Depotmitarbeiterinnen und -mitarbeitern liebevoll die „Kommandozentrale“ genannt. Hinter der Glaswand befindet sich das Herzstück des Spendendepots: rund 30 Schwerlastregale angefüllt mit Kleidung und Hygieneartikeln, Kleiderstangen mit Winterjacken und eine Regalwand bis oben hin voll mit Schuhen, alles akribisch beschriftet. „Letztendlich kommt die Ordnung aber auf die Gewissenhaftigkeit der freiwilligen Helfer an, die die Spenden sortieren“, so eine Mitarbeiterin. Die Spenden werden sortiert, verräumt, geschlichtet, geordnet und schließlich nach dem Prinzip der Fairen Verteilung gepackt und ausgeliefert. Als wichtigen Bestandteil des Teams können sie ursprünglich in Traiskirchen kennengelernte, mittlerweile in Wien unterkünftig gewordene Schutzsuchende zählen. Jeden Tag kommen verschiedene Männer, vor allem aus Syrien und Afghanistan, um im Spendendepot zu helfen. „They helped me, I help them“, so Mohamad T. aus Damaskus, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Er hilft seit Juli 2015 mit, wo er in Traiskirchen bei der fairen Verteilung der Sachspenden maßgeblich beteiligt war. Er hat eine kleine Wohnung für seine Mutter, seine Schwester und ihn in Wien gefunden. Ein anderer freiwilliger Helfer ist nur wenige Tage vor dem Bombardement aus dem Krankenhaus in Kundus geflohen, ein Intensivpfleger von Ärzte ohne Grenzen, der während dem Warten auf den Asylbescheid im Spendendepot sehr viel Zeit verbringt. Die meisten seiner Kollegen sind bei dem Angriff in Afghanistan ums Leben gekommen. Jetzt wohnt er in einer Notunterkunft in Wien. „Die Arbeit hier gibt den Leuten Beschäftigung, wo sonst keine wäre, sie wollen etwas zurückgeben“, beschreibt Isabel die Hintergründe.

Vom Kurswechsel zum „Dankeschön“

Während vor einigen Monaten noch kurzfristige, intuitive Entscheidungen getroffen wurden, arbeitet man heute professioneller – mit einem individuellen Bestellsystem. Auch der Standort Traiskirchen hat sich geändert, da die Caritas nun eine offizielle Spendenausgabe innerhalb des Erstaufnahmezentrums hat. Ab sofort werden vor allem Notschlafstellen in und um Wien versorgt. So zum Beispiel das Notquartier in der Schopenhauerstraße, einem ehemaligen Publizistik Institut der Universität Wien. Es ist 18 Uhr Abends als wir ankommen. Stromausfall im ersten Stock und der Geschirrspüler ist kurz zuvor kaputt gegangen. „Und das ausgerechnet zur Essenszeit“, beklagt die Koordinatorin der Johanniter die Akutsituation – „es ist immer irgendwas! Im Großen und Ganzen passt aber eh alles.“

Das Team von HTMP wird von den ersten vier Familien die es aufzunehmen gilt schon erwartungsvoll empfangen und von den Mitarbeitern in einen der Vorlesungssäle geführt. Hier werden inzwischen Deutschkurse und Versammlungen abgehalten. Freiwillige Fahrerinnen und Fahrer nehmen die individuellen Bestellungen von Sachartikeln auf, die Schutzbedürftigen bekommen dann ein Ticket, ähnlich dem bekannten Garderoben-Bon bei einer Veranstaltung, und am nächsten oder übernächsten Tag dann ihr Paket. Das System ist auf Erstversorgung ausgerichtet, da der Verein hauptsächlich mit Spenden arbeitet. Die Schutzsuchenden erhalten Rucksäcke, Taschen oder Trolleys gefüllt mit Hygieneartikeln, Bekleidung und Schuhen in den passenden Größen. „Wir wollen nicht einfach Kistenweise Sachspenden verteilen, sondern die Menschen persönlich beliefern.“ Das sieht man, beobachtet man die liebevolle Aufnahme der Wünsche in die Bestellformulare. Füße werden abgemessen, Kleidungetiketten angeschaut und die Damen vorsichtig nach Hygienebedarfsartikeln gefragt. Nach anfänglicher Zurückhaltung zeigen sie am Ende ihre Dankbarkeit mit einem festen Händedruck, einem Strahlen im Gesicht und einem gebrochenem „Dankeschön“. Die schwangere Frau bekommt schließlich ihr Paket und wird darüber informiert, dass der Kinderwagen, sobald er benötigt wird, ebenfalls kein Problem sein sollte. „Diesmal hatte fast keines der Kinder eine Winterjacke“, zeigt sich Isabel bestürzt über die Zustände der minderjährigen Asylsuchenden.

Ab und zu werden auch solche „Extrawünsche“ geäußert, wie Kinderwägen oder Schulsachen für Kinder. Frauen fragen nach Makeup, Schminksachen und Parfum – Dinge, die über die tatsächlichen Grundbedürfnisse hinausgehen, einen aber Menschlichkeit und Individualität erst spüren lassen. „Wir versuchen das zu erfüllen, wenn es möglich ist“, so Isabel, wobei es immer darauf ankommt, auf welche Spenden sie zurückgreifen können. Gekauft wird nur das Nötigste. Besonders Männerbekleidung in Small und Medium sind laut Isabel notorische Mangelware. „Trotz aller Motivation und Anstrengung unsererseits, funktioniert es ohne Geld nicht“, beteuert Rene die Notwendigkeit von Spendengeldern.

Mehr als nur kultureller Austausch

Genau wie andere Organisationen, bemerkt auch HTMP einen Rückgang der freiwilligen Helferinnen und Helfer. „Viele springen ab wegen anderer Verpflichtungen. Das auszugleichen erfordert viel Aufwand vom Kernteam“ – es ist eben Freiwilligenarbeit, man macht es nun einmal nebenbei. Dennoch ist die flexible Arbeitsweise und die Tatsache, dass man im Spendendepot selbst in keine Extremsituationen kommt ein Grund für viele Helfer bei HTMP weiterhin zu arbeiten, seien es auch nur ein oder zweimal im Monat. Die Mitarbeit spielt sich in einem geschützten Rahmen ab. Zwischendurch kann man sich mit einer Jause und Kaffee oder Tee auf den Sofas entspannen und unterhalten. Die Atmosphäre ist friedlich, was wohl den größten Unterschied zu anderen Projekten ausmacht.

Doch die Ruhe ist nur allmählich eingekehrt, erinnert sich Rene an die letzten Monate der Aufregung rund um Traiskirchen: „Obwohl ich an einem Tag mit 40 gepackten Bestellungen in Traiskirchen ankomme, stehen dort 150 Menschen die eine Bestellung aufgeben möchten. Es war immer zu wenig.“
So frustrierend das augenscheinliche Fass ohne Boden auch ist und der Bedarf nicht zu enden scheint, zahlt es sich für alle Beteiligten aus. Es wurden Freundschaften geknüpft, Fremde willkommen geheißen, Vorbehalte aufgeräumt, Horizonte erweitert, Kulturen verknüpft. Und von der Öffentlichkeit unbemerkt, mehr als 6.000 Pakete an Schutzsuchende ausgegeben.

Die anfängliche Wohnzimmersammelaktion wurde zu einem wichtigen Bestandteil in der Versorgung von ankommenden Schutzsuchenden in Wien. Es ist ein Ort der Aktion und des Miteinanders, das sich durch die Initiative der Einzelnen stetig weiterentwickelt. Mit über 10.000 unbezahlten Arbeitsstunden, zeigen die Beteiligten dass eine neue Ära der Zusammenarbeit und Hilfsbereitschaft angebrochen ist.

Auf die Frage warum Isabel das tue, kommt ein gefasstes: „Na wer macht’s sonst?“